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Seit Jahren Depressionen - Längere berufliche Auszeit?

Antheus

Antheus

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Guten Abend zusammen,

Ich versuche die Sache sehr kurz zu halten. In den letzten Jahren ist sehr viel passiert, wodurch ich meiner damaligen Berufung und Beruf nicht mehr nachgehen konnte (3 Operationen - relativ schwer - am Knochen, aufgrund eines Tumors der entfernt wurde). Habe dann gewechselt in einen Beruf der mir keinen Spaß macht. In der Zeit sind dann Mein Vater an Krebs gestorben, sowie unsere Neugeborene - Frühchen - Tochter aufgrund von Lungenversagen. Ich war kaum bis gar nicht krank, obwohl es mir jeden Tag schlechter ging und geht. Jetzt habe ich einige Wochen Urlaub am Stück und habe die Entscheidung getroffen, dass es so nicht mehr weitergeht. Mein Leben ist sehr lebenswert, ich empfinde es aber nicht so. Ich empfinde überaus selten Freude und bin teilnahmslos. Alle Zeichen deuten auf eine Depression. Lange wollte ich mir das nicht eingesteht. Rückblinkend sind es jetzt aber bestimmt schon mind. 5 Jahre. Da die Arbeit (Firmenwechsel habe ich ebenfalls schon hinter mir - hat nichts verändert) mir keinerlei Erfüllung bringt, sehe ich da ein ganz großen Faktor für meine Depression.

Nun möchte ich diese Krankheit behandeln und solange auch wirklich komplett raus sein, bis ich wieder gesund bin. Ich will wieder ein freudvolleres Leben führen und die schönen Dinge die einem passieren auch genießen können.

Hier ist nun mein Problem: Ich weiß nicht wie genau ich das ganze anstellen soll? Wie kann ich mich mehrere Monate - Ich weiß nicht wie lange es dauert. Mit ein paar Wochen ist es aber definitiv nicht gemacht - krankschreiben lassen? Ich gehe davon aus, dass ich erst in vielen Monaten erst einen Termin erhalte. Wie läuft sowas ab? vielleicht habt ihr ja Erfahrungen, wenn ihr lange raus wart aus dem Unternehmen? Ich hab mit meinem Hausarzt auch noch nie über die Depressionen geredet und würde es auch ungern in der Kleinstadt. Ich vertraue ihm sehr, aber es fällt mir trotzdem unheimlich schwer - Es hat ja schließlich 5 Jahre gedauert bis ich es mir selbst eingestehen konnte. Da ich mit Krankmeldungen etc. so extrem wenig Berührungspunkte hatte bisher, weiß ich gar nicht ob und wie realistisch das ist - schließlich ist es quasi keine sichtbare akute Erkrankung, sondern eher etwas, was einen einfach immer begleitet. Wie und von wem lässt man sich da krankschreiben?

Ich hoffe das war nicht zu wirr und man kann mir folgen / ihr habt Tipps für mich. Parallel werde ich natürlich die Suchmaschinen anschmeißen. vielleicht hat ja auch jemand Erfahrung mit so einer Auszeit und kann aus eigener Erfahrung berichten?

Im Voraus vielen Dank fürs Lesen und Schreiben.

Viele Grüße an alle und nur das Beste.

24.12.2021 15:10 • x 3 #1


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Greta

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Hallo Antheus,
zunächst mal ein herzliches Willkommen im Forum

Erster Ansprechpartner ist tatsächlich der Hausarzt.
Du kannst sicher sein, dass dein Hausarzt täglich mit depressiven Patienten zu tun hat und ihm die Thematik deshalb nicht fremd ist. Er kann dich erstmal krankschreiben und dich ggfs. zu einem Psychiater überweisen.

Ich selbst bin seit über einem Jahr wegen Depressionen und Erschöpfung arbeitsunfähig. Die AU-Bescheinigungen stellt meine Hausärztin aus, die medikamentöse Behandlung übernimmt meine Psychiaterin. Außerdem bin ich bei einem Psychotherapeuten in Behandlung.

Du hast Anspruch auf sechs Wochen Lohnfortzahlung und 72 Wochen Krankengeld. Das wären also insgesamt 1,5 Jahre, und damit bist du sicher schon ein ganzes Stück weiter.

Liebe Grüße
Greta

24.12.2021 16:10 • x 2 #2



Hallo Antheus,

Seit Jahren Depressionen - Längere berufliche Auszeit?

x 3#3


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Martl

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Hallo Antheus, Greta hat es sehr erleutert. Ich selbst habe fast 10 Jahre gebraucht, um meine Krankheit Depression zu akzeptieren. Dank meine Psychaterin und meiner Psychologin habe ich seit ca. 5 Monaten den Mut offen über meine Krankheit zu sprechen. Es tut mir so gut, endlich das Versteckspiel, das Spiel der Täuschungen nicht mehr zu spielen. Hat mir zwar viel Mut gekostet, aber es lohnt sich. Und das wünsche ich Dir auch von Herzen. Den Mut, offen mit den Ärzten oder engen Bekannten darüber zu sprechen. Liebe Weihnachtsgrüße

24.12.2021 18:31 • x 2 #3


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Jana7

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Du schreibst nicht, dass es Dir schwerfällt zu arbeiten.
Du scheinst eher zu vermuten, dass es am Arbeiten liegen könnte.

Menschen, die gerne reisen, glauben oft, ein Leben im geliebten Ausland würde helfen...

Ich will Dich nur etwas vorwarnen.

Eine Auszeit nach Jahren der Arbeit kann natürlich heilsam sein.
Einige Wochen sind sicherlich eine interessante Erfahrung.
Eine Auszeit vom Alltag, der Monotonie.

Doch Vorsicht: Es bedeutet auch mehr Alleinsein, Einsamkeit.
Du wärst aber sicherlich um eine Erfahrung reicher.

Krankschreibungen:
Der Hausarzt wäre die 1. Anlaufstelle. Der könnte sich weigern, endlos krankzuschreiben. Auch aus Angst vor dem MDK.
Als Notfall bekommt man beim Psychiater wahrscheinlich auch schnell(er) dran.
Manche haben schneller Termine frei. Allerdings kann das Gründe in der Qualität haben.

Ich nehme auch an, dass Ärzte von Dir erwarten würden, eine Psychotherapie zu machen. Hier einen Platz zu bekommen, dürfte noch schwieriger sein. Und man versteht sich nicht mit jedem...

Oder man erwartet, dass man in eine medikamentöse Therapie einwilligt. Insbes. Psychiater.
Ärzte argumentieren stets, dass der Hirnstoffwechsel beeinträchtigt sei. Man weiß immer noch nicht, was D. auslöst. Und es mag bei jedem anders ein.
Also das Motto: Hirnstoffwechsel-Problem - Folge: Depressionen.
Sicherer ist wahrsch. die Variante: Schwierige Lebenssituation - Folge: Veränderter, (angepasster) Hirnstoffwechsel.
Eine D. von längerer Dauer mag diesen auch ewig verändern.
Die Wirksamkeit von SSRI (häufigste Verschreibung) liegt nur knapp über Placebo. Aber wer heilt hat recht...

Wir werden nicht mit D. geboren. Es macht auf jeden Fall Sinn, seine Lebenssituation zu analysieren. Das ist sehr komplex.

24.12.2021 20:51 • x 4 #4


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Martl

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@Jana7 sehr gut erläutert und analysiert. In vielen deiner Zeilen bzw. Worte steckt viel Erfahrung. bzw. ich geh davon mal aus.

24.12.2021 22:33 • #5


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Greta

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Zitat von Jana7:
Du scheinst eher zu vermuten, dass es am Arbeiten liegen könnte.

Ich denke, lieber Antheus, dass bei der Entstehung deiner Depression die Erfahrungen deiner Erkrankung sowie der Tod deines Vaters und deiner Tochter eine große Rolle spielen. Und der unliebsame Job macht es dir derzeit nicht einfacher.
Fühlst du dich besser in den Wochen, in denen du nicht zur Arbeit musst?
Dann würde ich das mit der Krankschreibung ausprobieren.
Es muss ja nicht auf Dauer sein; du kannst jederzeit entscheiden, wieder zur Arbeit zu gehen.
Zitat von Jana7:
Der könnte sich weigern, endlos krankzuschreiben. Auch aus Angst vor dem MDK

Das kommt natürlich auf den Arzt an.
Meine Hausärztin schreibt mich seit über einem Jahr ohne Murren krank (kennt allerdings auch meine lange Vorgeschichte) und hat noch nie Probleme mit dem MdK erwähnt.
Zudem ist der MdK der Medizinische Dienst der Krankenkassen, d.h. er beurteilt deinen Gesundheitszustand nach Aktenlage oder durch ein Gutachten, und selbst wenn er dich für gesund hält, zählt das, was dein Arzt meint.
Zitat von Jana7:
dass Ärzte von Dir erwarten würden, eine Psychotherapie zu machen. Hier einen Platz zu bekommen, dürfte noch schwieriger sein.

Eine Psychotherapie wäre sicher sinnvoll. Zwingen kann man dich aber nicht dazu. Die Therapeuten haben in der Regel lange Wartezeiten. Darauf muss man sich einfach einstellen. Manchmal geht's aber auch recht schnell mit einem Termin. So hatte ich bei meinem Therapeuten damals im Dezember angerufen und bereits im Januar die erste probatorische Stunde. Mit den porbatorischen Stunden habe ich mich dann über Wasser gehalten, bis es im März mit der regulären Therapie losging.
Zitat von Jana7:
Oder man erwartet, dass man in eine medikamentöse Therapie einwilligt. Insbes. Psychiater

Auch zur Medikamenteneinnahme kann dich niemand zwingen. Das ist ganz allein deine Entscheidung.
Hast du schon mal über pflanzliche Mittel nachgedacht? Johanniskraut z.B. zeigt gute Behandlungserfolge bei leichten und mittleren Depressionen. Wäre also durch einen Versuch wert. Einfach mal den Arzt danach fragen.

Der Weg aus der Depression besteht aus Suchen, Probieren, Verwerfen und Finden.
Überlege dir, was dein nächster Schritt sein könnte. Denk nicht an den übernächsten oder an die Zeit in einem halben Jahr. Nur JETZT und der NÄCHSTE Schritt. So wirst du deinen Weg finden.

Liebe Grüße
Greta

25.12.2021 10:25 • x 2 #6


Antheus

Antheus

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Hallo zusammen!

@all Vielen Dank für die vielen Antworten! Das bestärkt mich schonmal in meinem Vorgehen. Und ich bin sehr erleichtert, dass ihr viele Dinge schreibt, die ich schon länger so vermute, bzw in Zukunft so machen möchte.

Es wird jetzt erstmal eine kleine Herausforderung sich wirklich und auch länger krankschreiben zu lassen. Da sind einfach viele Blockaden und Glaubenssätze, die mir das jahrelang verboten haben.
Mir gehts tatsächlich besser, wenn ich nicht arbeiten muss - also der Zusammenhang ist leider sehr offensichtlich.

Ich werde auch versuchen, einen Therapieplatz, wegen der vielen Ereignisse zu erhalten.

@Greta wie hoch würdest du das Johanniskraut dosieren? Tabletten oder Kraut?

27.12.2021 13:32 • x 2 #7


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Greta

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Zitat von Antheus:
wie hoch würdest du das Johanniskraut dosieren? Tabletten oder Kraut?

Nimm hochdosiertes Johanniskraut-Tabletten aus der Apotheke und halte dich an die Einnahmeempfehlung in der Packungsbeilage.

27.12.2021 14:52 • x 2 #8

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