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10 Jahre Wochenbettdepression?

LassMich

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Hallo ihr Lieben,

ich möchte mich gerne mal ein wenig (oder auch etwas mehr) ausheulen.
Ich habe 2012 einen Sohn bekommen, der von Anfang an im Krankenhaus lieber im Babybett gelegen hat, als bei mir. Stillen ging gar nicht, er hat nur geweint. Auch wenn er nur in meinem Arm lag.
Das hat mich leider so deprimiert, daß ich bis vor ein paar Monaten keine richtige Mutter-Kind Beziehung aufbauen konnte. Ich bin so eine furchtbare Mutter, weil ich mein Kind nicht lieben kann/ konnte.
Ja, er hat ADHS,
ja er hat etwas ausgeprägtere autistische Züge,
ja er hat schwere sozial-emotionale Probleme,
ja er kann Liebe nicht empfinden
ABER
ja er ist teilweise sehr fürsorglich,
ja er versteht daß er sich nicht immer gerecht verhält und möchte das eigentlich gar nicht,
ja er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn
ja er hilft Kindern die (egal bei was) Hilfe brauchen
ja die Mütter seiner Freunde lieben ihn, weil er schon so erwachsen denkt (andererseits tut es ihnen aber auch leid, daß er seine Kindheit nicht geniesst) So wie auch mir leid tut, daß er immer die Erwachsenenrolle übernehmen will/ muß

Er ist so ein toller Junge. Warum können wir uns nicht gegenseitig so lieben wie wir gerne würden?

Könnte es bei mir daran liegen, daß sein Vater, mein Exfreund, mich vergewaltigt hat als mein Sohn gezeugt wurde? Es war nicht das erste Mal und ich hatte eigentlich auch nie das Gefühl, daß es mich geprägt hat. Er wollte auch direkt mit mir zusammen ziehen etc, aber das wollte ich nicht. Er war psychisch auch sehr belastet (was er damals noch nicht zugeben wollte). War, weil er nicht mehr lebt. Er konnte sein Leben nicht mehr ertragen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Nur soviel: Mich persönlich belastet das, wegen unserer Vergangenheit, meistens nicht. Ich finde es schade für meinen Sohn. Daß er seinen Vater nur 2 Mal (an die er sich erinnern kann) gesehen hat, aber andererseits ging das nur von mir aus, weil sein Vater einfach zuviel mit sich selbst beschäftigt war. Ich habe dafür allerdings vollstes Verständnis, weil ich ja auch viel mit mir selbst zu tun habe.
Was ich allerdings so überhaupt nicht verstehen kann, ist warum ein Baby die Nähe seiner Mama ablehnt.
Im Nachhinein habe ich erfahren, daß es evtl eine Verspannung im Nacken (hervorgerufen durch die Geburt) sein könnte. Kann das wirklich sein? Kann ein Kind seine Mama von Geburt an ablehnen, weil es Schmerzen hat? Er hat ja nicht immer geschrien. Wenn er alleine in seinem Bett lag hat er sich wohler gefühlt.
Okay, ich merke gerade wieder, daß ich nach der Geburt einfach enttäuscht war, daß ich mein Kind nicht kuscheln konnte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich glaube ich war deswegen beleidigt. Aber er war doch erst ein Baby. Ein unschuldiges Baby. Aber ich habe ihn trotzdem irgendwie abgelehnt. Ich finde das ganz furchtbar. Aber warum war/ ist das so? Wie kann man sein eigenes, neugeborenes Baby ablehnen?
Hat vielleicht irgendjemand ähnliche Erfahrungen gemacht?

19.11.2022 05:26 • #1


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Ziva

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Liebe LassMich,

herzlich Willkommen hier bei uns und schön, dass du dich geöffnet hast.
Bis vor ein paar Minuten dachte ich noch, ich könne dir nichts schreiben, weil mich in deinem Beitrag ein paar Dinge stark berühren. Aber ich möchte es trotzdem gern versuchen, weil ich einfach hoffe, dass dir meine Worte ein wenig helfen können.

Nach der Geburt meines Minis habe ich im Krankenhaus eine Frau kennengelernt, der es mit ihrem Neugeborenen ganz ähnlich erging wie dir. Ihr Baby war unruhig auf ihrem Arm, aber sobald sie ihn zurück in sein Bettchen legte, war er friedlich. Sie war immer diejenige, die ihn wickelte, ihm Nähe geben wollte. Sie hat sich so sehr danach gesehnt ihr Kind auf dem Arm zu halten, mit ihm zu kuscheln, es zu stillen.. aber sobald sie ihn auf dem Arm hatte, strampelte er und weinte. Sie sagte oft, wie verzweifelt sie ist und wie neidisch sie auf andere Mamas ist, die ihre Babys durch die Gegend tragen oder sie sich auf den Bauch legen können, zusammen einschlafen... mit ihrem Baby ging das nicht.

Ich denke, dein Baby lehnte dich als Mama nicht ab, wenn es bei dir im Arm geweint hat. Es fühlte sich sicher genug, dir seine Gefühle zu zeigen.

Babys brauchen Nähe und Zuneigung, wenn sie weinen. Säuglinge sind sehr empfindlich und aufgrund von angesammelten stressigen Erfahrungen tragen manche eine beachtliche Menge von emotionalem Schmerz in sich. Klingt vielleicht merkwürdig - warum hat ein Baby schon Stress? Aber ja, Stress kann durch eine traumatische Geburt oder Schwierigkeiten nach der Geburt verursacht werden. Sie haben verwirrende Erlebnisse, während sie versuchen die Welt zu verstehen. Babys fühlen sich oft frustriert, während sie versuchen neue Fähigkeiten zu lernen und zu kommunizieren. Das alles führt zu emotionalem Schmerz, der im Körper gespeichert wird. Aber auch die Kleinsten sind schon so ausgestattet, dass sie die Wirkungen von Stress mit dem natürlichen Heilungsmechanismus des Weinens überwinden können.

Mein Mini musste eine zeitlang in einem Brutkasten sein. Er war oft unruhig, hat geweint, getrampelt. Sobald er bei mir war, war er ruhig. Mir wurde von der Säuglingsschwester erklärt, dass er es darin gar nicht gut findet. Er fühlte sich alleine gelassen, hatte Angst, weil er gar nicht wissen konnte, was da mit ihm passiert. Bei mir fühlt er sich sicher, weil ich u.a. auch eine innere Ruhe für ihn ausstrahle. Ein Säugling, der für mehrere Tage ohne viel menschlichen Kontakt in einem Brutkasten isoliert ist, muss vielleicht über einen Zeitraum von mehreren Monaten viele Stunden weinen und toben, um den emotionalen Schmerz loslassen zu können, der durch solch eine bedrohliche und verwirrende Erfahrung verursacht wurde. Viele Dinge versteht man erst im Nachhinein.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du dich in den Wochen nach der Geburt gefühlt haben musst. Sicher warst du erschöpft und auch frustriert. Du schreibst ja auch, dass du beleidigt warst. Dafür musst du dich nicht schämen und deswegen bist du keine schlechte Mutter. Auch jetzt nicht nach 10 Jahren, denn du tust für dein Kind alles, was in deiner Macht steht und darüber hinaus sicher noch mehr.

In meiner TK-Zeit habe ich mit meinem Bezugstherapeuten u.a. über frühkindlichen Autismus gesprochen, weil mich die Zeit nach der Geburt und diese Erfahrung, die ich mit der anderen Mama im Krankenhaus erlebt habe, sehr betroffen gemacht hatte. Ich wurde viele Gedanken nicht los.
Er hatte mir erklärt, dass Babys mit frühkindlichem Autismus schon früh durch ihre Andersartigkeit auffallen. Dem Blickkontakt weichen sie aktiv aus, sie lehnen körperliche Nähe ab und reagieren nicht auf Gestik und Mimik. Eltern leiden oft sehr unter der vermeintlichen Gefühlskälte ihrer Kinder. Nähe scheint den Kleinen wenig zu bedeuten.
Und ich denke, so ging es dir auch. Vielleicht hat darüber auch niemand mit dir gesprochen und du warst mir deiner Not, mit vielen Unsicherheiten und Fragen allein.

Hast du vielleicht schon mal über eine Therapie für euch beide nachgedacht?
So eine Therapie hat das Ziel, die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten des Kindes zu verbessern und die Eltern zu unterstützen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das die Bindung zwischen euch auch etwas fördern könnte.

Fühl dich lieb gegrüßt.
Ziva*

19.11.2022 12:27 • x 2 #2

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