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Therapeut in Tagesklinik erkennt mein Problem nicht

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Tinchen1967
Mitglied

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Ich war letztes Jahr in einer Reha wg. Depression. Leider war der Erfolg nur mäßig und ich fühlte mich bald noch schlechter als vor der Reha. Seit Kw18 d.J. bin ich nun in einer Tagesklinik. Beim Erstgespräch habe ich gezielt auf meine bestehenden Probleme hingewiesen und daraufhin auch den Termin zur Aufnahme bekommen.
Die ersten beiden Wochen fühlte ich mich dort sehr gut aufgehoben und von der Therapeutin verstanden.

Gestern hatte ich ein Gespräch mit meiner Psychotherapeutin, das mich an der Sinnhaftigkeit des Aufenthalts zweifeln lässt. Auf die Frage, was mich im Moment belastet antwortete ich wahrheitsgemäß, dass es meine aktuelle Arbeitslosigkeit, der Druck des Arbeitsamtes, die aufgezwungene Weiterbildung in einem für mich ungeeigneten Beruf und Zukunftsängste bzgl. Beruf und Arbeitslosigkeit sind. In den vorherigen Gesprächen hätte ich sehr ausführlich über meine Probleme in Bezug auf Depression berichtet.

Nachdem ich das alles ausführlich geschildert hatte meinte sie: also das sind ja alles Dinge, die wir hier nicht ändern können und ich sehe hier jetzt nicht so wirklich ein Problem, das sie haben. Als Aufenthaltsgrund hatten sie Depressionen angegeben, aber das was sie erzählen hat damit doch gar nichts zu tun.

Schon der Beginn des Gesprächs war für mich befremdlich. Ich kam in einer farbenfrohen Sommerhose und weißem T-Shirt zum Gespräch. Zum Einstieg des Gesprächs wurde ich gefragt, weshalb ich so farbenfroh gekleidet bin, da ich doch an Depressionen leide und da eher gedrückter Stimmung ist. Ihr fällt auf, dass ich immer gut gekleidet bin. Es ist so, dass ich es bis jetzt immer geschafft habe, mich nicht zu vernachlässigen. Auch habe ich nahezu keine dunkle Kleidung, die scheinbar für depressive Menschen angemessen wäre. Auf Grund Erziehung und beruflicher Vergangenheit habe ich auch nur hochwertige Kleidung. Soll ich nun extra schlecht gekleidet kommen, damit meine Depression geglaubt wird?

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4 Antworten ↓

Fritz
Hi Tinchen1967
Erstmal willkommen!
Was hat den die Kleidung mit der Depression zu tun?
Die Kleidung ist doch kein Maßstab für die Depression!
Ich denke, dass du da nicht richtig ernst genommen wirst.
Eine farbenfrohe Kleidung ist doch super!

Deine Gefühle sollten doch ernst genommen werden.
Gib nicht auf!
Servus

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A


Hallo Tinchen1967,

Therapeut in Tagesklinik erkennt mein Problem nicht

x 3#3


ZeroOne
Hi @Tinchen1967 ,

von außen ist die Situation mit den wenigen Informationen schwer einzuordnen. Ich habe auch positive und negative Erfahrungen bei mehreren Tagesklinik-Aufenthalten sammeln dürfen / müssen.

Es kann viele Gründe für die Ansagen deiner TK-Therapeutin geben. Das kann tatsächlich von gnadenloser Inkompetenz bis hin zu einer gezielten, durchdachten therapeutischen Intervention reichen.

Öfters provozieren und schockieren Therapeuten bewusst, wenn sie den Eindruck haben, dass es sich der Patient zu "bequem" macht, nicht ausreichend an sich arbeitet, usw. Ich habe schon erlebt, dass das funktioniert und tatsächlich den "zündenden Funken" gibt. Allerdings auch, dass genau das Gegenteil erreicht wurde.

Recht hat sie damit, dass in den paar Wochen Tagesklinik nicht die Umstände deines Lebens verändert werden können (Arbeitslosigkeit, Umschulung, Agenturdruck, etc.), aber man kann gemeinsam Möglichkeiten erarbeiten, wie man damit besser umgehen und daran in einer längeren, ambulanten Therapie im Anschluss konsequent weiter arbeiten kann, wie man sie dir wahrscheinlich auch empfohlen hat.
Du hattest auch nicht erwähnt, ob du aktuell in einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen, oder einem psychodynamischen Setting bist.

Nach meiner persönlichen Meinung hilft da nur, auf die Hinterbeine und im TK-Rahmen genau das ansprechen, was du hier geschrieben hast. Kommunikation ist das A und O. Sonst wird sich das für dich nicht auflösen lassen.
Eventuell nochmals mit der Therapeutin direkt sprechen. Auch finden in den meisten TKs wöchentliche "Visiten" mit allen involvierten Therapeuten und dem Setting-Leiter statt. Auch dort würde ich das Thema platzieren.
Oft werden solche Probleme aus Einzelstunden von Patienten auch in anderen Therapien (Gruppe, KBT, Kunst, usw.) angesprochen und eingebracht. Die Therapeuten tauschen sich auch untereinander aus.

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Stromboli
Hallo Tinchen

Erstmal herzlich willkommen, schön, dass du dich hier mitteilst. Ich wünsche dir, dass der Austausch hier dir hilft, deinen eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen.

Ich schliesse mich dem, was ZeroOne geschrieben hat, grundsätzlich an.
Mit bewusst provokanten "Interventionen" von Therapeuten habe ich selber eher Mühe, sollte es sich denn um eine solche handeln. Ich würde mich da auch verunsichert fühlen, vertrauensfördernd habe ich sowas nie erlebt.

Mir wird nicht hundertprozentig klar, ob die im ersten Abschnitt erwähnte Therapeutin, von der du dich verstanden gefühlt hast, dieselbe ist wie die vom gestrigen Gespräch? Falls ja, verstehe ich deine Verunsicherung erst recht.
Deine Ängste im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, beruflich-existenziellen Zukunftsängsten usw. in der von dir geschilderten Weise abzutun, sie gar so darzustellen, als ob sie mit Depressionen nichts zu tun hätten, würde aus meiner Sicht jedenfalls für "gnadenlose Inkompetenz" sprechen, um ZeroOne nochmal zu zitieren. Die völlig deplatzierten Bemerkungen zu deiner Kleidung unterstreichen das noch. Als Therapeut würde ich einen depressiven Klienten, der bunt und gut gekleidet zu mir kommt, darin bestärken und es als Ressource von ihm sehen, sich trotz Depression so zu kleiden. Die Depression aber deswegen in Frage stellen? Meine Therapeutin wäre das nicht.

Lass dich nicht beirren, du empfindest richtig, was deine Ängste und Probleme betrifft. Und darin kann ich Zero nur zustimmen: Sprich es an. Sei es direkt mit der Therapeutin oder wenn das nichts ändert, halt an vorgesetzter Stelle in der TK. Klinikaufenthalte und Therapien, die uns noch kränker machen, brauchen wir nicht. Leider kommen sie trotzdem vor. Da ist es von Vorteil, die eigenen Alarmsignale frühzeitig ernst zu nehmen und die Reissleine zu ziehen, wenn Klärungsversuche nicht weiterhelfen sollten.

Alles Gute dir Kopf streicheln

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Dys
Hi @Tinchen1967,

grundsätzlich lebt eine Psychotherapie davon, dass der Klient von sich preis gibt, was nicht offensichtlich ist. Daher stellen TherapeutInnen gerne Fragen zu dem was offensichtlich zu erkennen ist um dies einordnen zu können. Die Frage bezüglich dem Auftreten ist damit eher unerlässlich und dazu gehört auch so etwas banales wie die Kleidung, die man trägt, weil sie einen Bezug zur aktuellen Stimmung haben kann, aber eben auch nicht.

Ich persönlich trage überwiegend schwarze Kleidung und habe dementsprechend kaum Buntes. Das ist aber nicht der Depression geschuldet und das habe ich auch, als ich danach gefragt wurde, genau so gesagt. Ob Du es mir glauben magst oder nicht, es gibt unzählige Anhaltspunkte für oder wider einer depressiven Stimmung, die eine Therapeutin wahrnimmt und erstmal ins richtige Verhältnis setzen möchte und oft ist nicht die Antwort auf eine Frage das entscheidende, sondern wie diese Antwort gegeben wird. Bezüglich Fragen einer Therapeutin gibt es generell keine Antwort die richtig oder falsch wäre, was das Sachliche beziehungsweise den reinen Informationsgehalt betrifft. Aber die stimmungsmäßige Reaktion sagt der Therapeutin etwas aus, womit sie dann arbeiten könnte.

Ebenso ist die Aussage, die bei Deinem Ungemach mit der Arbeitsagentur nicht helfen zu können, lediglich der Hinweis, dass es tatsächlich so ist. Denn es ist nicht die Aufgabe einer Klinik Jobs zu vermitteln oder in irgendeiner Weise zu intervenieren beim Arbeitgeber oder der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Dafür gibt es andere Organisationen oder im Zweifelsfall Anwälte.

Lediglich die Behandlung einer Erkrankung, in Deinem Fall der Depression, steht damit im Fokus und welche Maßnahmen dabei erfolgversprechend sein könnten.

Konkret könnte eine Antwort bezüglich der Kleidung somit sein, dass man nur solche Kleidung hat und sie nicht die aktuelle Stimmung spiegelt.
Auch das ein äußerlich fröhliches Erscheinungsbild nicht die tatsächliche Stimmung spiegelt, weil man sich leer oder traurig fühlt, kann nur der Klient so darstellen, wenn es denn so empfunden wird und kann entsprechend kommuniziert werden.
Aus diesem Grund stellen Therapeuten solche Fragen, die vielleicht provokant oder sonst wie empfunden werden, was aber in der Einordnung ausschließlich an einem selbst liegt. Denn eine Frage braucht ja erstmal keine Bewertung, sondern ist lediglich eine Frage die man so oder so oder garnicht beantworten kann, wenn man will. Und auch eine Gegenfrage ist ja erlaubt, wenn man wissen möchte, weshalb man gerade dies oder jenes gefragt wurde.

Wichtig ist also nur eines, wenn man sich in Behandlung begibt. Man sollte wissen was man sich davon verspricht und woran man einen Erfolg festmachen würde. Abgesehen von den eigenen Bemühungen muss natürlich auch die Klinik in der Lage sein, helfen zu können und das kann man bezüglich einer Erkrankung auch erwarten. Aber bezüglich Umständen die sich im Alltag zeigen, sei es Probleme mit Job, Familie oder sozialem Umfeld kann das ja eine Klinik nicht leisten und das muss einem schon klar sein.

Wie oft hört und liest man, dass an Depression erkrankte sich maskieren um in der Gesellschaft nicht aufzufallen oder zu funktionieren, nur fragt dann eben niemand danach ob das so ist. Therapeuten wollen das aber herausfinden und aufbrechen um überhaupt mit dem Klienten arbeiten zu können.

Daher habe ich irgendwann für mich entschieden, auf den Punkt zu kommen in den Sitzungen, bezüglich dem was ich fühle und denke und es nicht durch das vermeintlich Sichtbare dem Gegenüber zu überlassen, was es wie einschätzt. Eine Therapie soll ja kein Quiz sein, nach dem Schema, schauen Sie mal und raten Sie wie es mir tatsächlich geht.

Keine Klinik oder Therapeuten können einen Schalter in mir umlegen und ich wäre dann geheilt. Medikamente können Symptome beeinflussen, Psychotherapie kann Aufschluss darüber geben, was ich verändern könnte und was eben nicht. Genesung ist ein Prozess der auch kein voraus bestimmtes Ende benennen kann. Er würde eventuell als abgeschlossen angesehen werden können, wenn ich mit dem gut leben kann, was eben ist. Und dennoch kann er wieder in Gang gesetzt werden müssen, wenn sich Lebensumstände ändern und das werden sie immer wieder, so lange man eben lebt.

#5

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