6

Wem anvertrauen?

SofiaArk

9
1
10
Hallo zusammen,

ich hoffe, ich habe das richtige Unterforum erwischt, bin erst seit heute hier registriert.

Um meine Vorgeschichte kurz zusammenzufassen: Ich bin 30 Jahre alt und spätestens seit meiner Teenager-Zeit habe ich mit depressiven Zuständen, paranoiden Tendenzen und sozialer Phobie zu kämpfen, weil ich jahrelang gemobbt und drangsaliert wurde, auch von Familienmitgliedern. Dies macht es mir bis heute schwer, Kontakte zu knüpfen und anderen meine Gefühle anzuvertrauen.

Aktuell trauere ich um meine Tante, die diese Woche an Krebs gestorben ist, obwohl ich kaum Kontakt zu ihr hatte. Ich weigere mich, an der Trauerfeier teilzunehmen, weil ich mit ihrem Mann, der sie geschlagen hatte, nicht in einem Raum sitzen will. Letztes Jahr ist auch meine Oma nach langer Pflegebedürftigkeit (eine Art Demenz) gestorben. Kombiniert mit dem Covid-19-Kram, der besch. eidenen politischen Situation und dem Ende einer langjährigen Freundschaft, die mir sehr viel bedeutet hatte, fühle ich mich einfach nur noch kaputt.
Und das Schlimmste? Ich weiß nicht, wem ich mich anvertrauen kann.

Ich habe schon einen Bekanntenkreis, aber ich sehe die Leute immer nur vereinzelt, vielleicht so 1x monatlich. Und ich weiß nicht, bei wem es safe ist, sich auszuheulen. Ich habe Angst, überhaupt niemanden mehr um mich zu haben, wenn ich jemanden überlaste. Meinen Therapeuten sehe ich nur alle 2 Wochen, und meine Eltern sind auch nicht die besten Tröster*innen. Und die Telefonseelsorge gibt meiner Meinung nach auch keine hilfreiche Unterstützung. Letztens, als ich dort angerufen hatte, hieß es "wenn Sie einsam sind, dann gehen Sie doch raus, es klingelt ja niemand an der Tür und will Ihr Freund sein" (das hab ich ja nur so 100 Mal in meinem Leben gehört lol) und "Sie sind ja noch jung" (danke fürs Erinnern daran, dass ich mich nicht meinem Alter entsprechend benehme).

Und überhaupt, ich fühle mich so unmotiviert. Ich betrachte mich eigentlich als kreative Person, aber ich schaffe es einfach nicht, mir eine funktionierende Routine zurechtzulegen. Und dummerweise wünsche ich mir auch noch Aufmerksamkeit für meine Kreationen. Ich glaube, ich kann mich darin besser ausdrücken als in jedem Gespräch. Es nimmt mich so mit, ins Vakuum reinzuschreien.

Vielleicht hat jemand von euch ein paar gute Gedanken hierzu? Danke im Voraus.

01.11.2020 13:07 • x 3 #1


Avatar

maya60

6640
31
10035
Hallo @SofiaArk und Willkommen hier im Forum!
Hier hören wir dir und uns gegenseitig zu und verstehen auch Ähnliches gut.
Es liest sich für mich, als ob du trotz deiner schweren Lebenswege aber bei dir bist und weißt, wer du bist und was du brauchst?

Liebe Grüße! maya

01.11.2020 13:40 • x 1 #2


SofiaArk

9
1
10
Hi @maya60, danke für die liebe Begrüßung

Ja, im Grunde genommen weiß ich, was ich will: jemanden, der zuhört. Das Ding ist nur, dass ich nicht so recht weiß, wem ich mich im realen Leben - den Therapeuten und die Telefonseelsorge ausgenommen - anvertrauen kann und Angst habe, andere zu vergraulen. Ich weiß ja auch, wie es ist, überhaupt keine Freunde zu haben. Mit dem unschönen Nebeneffekt, dass viele meiner aktuellen Bekanntschaften mir so oberflächlich vorkommen. Ich kann mit den Leuten zwar mal was trinken und quatschen (vorausgesetzt es gibt keinen Lockdown), aber scheinbar nicht über die Dinge sprechen, die mich gerade so runterziehen. Dabei bin ich theoretisch schon für so Sachen wie Mental Health Awareness und die Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit für die damit zusammenhängenden Themen. Aber diese theoretisch emanzipative Einstellung kann ich nicht offen ausleben, zu groß ist die Angst davor, ausgegrenzt zu werden...

01.11.2020 13:49 • x 1 #3


Avatar

maya60

6640
31
10035
Hallo @SofiaArk ich verteile meine inneren Themen auf verschiedene Leute.
Eine Person, die alles abkriegt, gibt es nicht und ich will das ja auch nicht sein für jemand anderen.

Meine besonderen Krankheitsthemen bespreche ich jetzt schon seit einigen Jahren regelmäßig und gut mit meiner Psychologin vom Sozialpsychiatrischen Dienst.
Sie ist mehr eine Begleitung als Psychotherapeutin mit zeitlich begrenztem Ziel. Da geht es mehr um Alltag mit chronischer Krankheit und trotzdem immer um Verbesserungen und das Ende ihrer Begleitung ist offen.

Und natürlich hier im Forum tauschen wir uns wunderbar aus.

Es gibt hier das Unterforum >>Tagebuch, . . . << Darin schreiben viele von uns kontinuierlich, und je nach individueller Erlaubnis, im Austausch mit den anderen. Das Unterforum ist auch nur von Mitgliedern des Forums einsehbar.

Dort konnte ich Krankheitsthemen, die bei mir auch Lebensthemen von Kindheit an sind, so entfalten, ohne damit alleine zu sein, dass es einfach wunderbar ist!

Vielleicht wäre das auch was für dich?

Liebe Grüße! maya

01.11.2020 14:00 • x 1 #4