Vielen Dank Bassmann für deine Nachricht! Deine Sichtweise hat mir gestern bereits sehr gut getan, ich konnte nur noch nicht gleich antworten.
Über deinen Vorschlag, es der "Schützen-Person" (gefällt mir gut) offen zu sagen, habe ich auch nachgedacht. Aber das kann ich - zumindest vorerst - nicht. Ich werde erst einmal auf die Schweigepflicht und dass es ja nur theoretisch möglich wäre, vertrauen. Wenn meine Sorge unbegründet ist, mache ich nur unnötig Pferde scheu und nehme vielleicht Motivation aus dem Ziel der anstehenden Prüfung. Damit würde ich mich auch wieder unwohl fühlen. Also: Sorge in eine Schublade, gut abschließen und bestenfalls vergessen.
Zum "Glück" kam gestern noch eine akut andere Sorge an Bord, das macht es leichter.
Nun aber zum Arzt - und das wird wohl auch länger. Erst einmal bin ich dankbar, dass ich nicht alleine irritiert bin über die Reaktion. Er kann sich doch denken was er will, aber muss er das einem so "hinknallen"? Ich war ja nicht beim Orthopäden oder HNO und er hatte nen Ü-Schein mit Verdacht auf Depression als auch einen Fragebogen zu meinem Befinden vorliegen. Ja, das mit dem Ansprechen beim nächsten Mal ist ein Gedanke, den ich mir mitnehme.
Es war ja mein "erstes Mal" bei einem Psychiater. Wobei mir gerade bewusst wird, das stimmt nicht. Meine Ma hat mich als Kind mal zu einem geschleppt. Ich glaube weil ich nach der Trennung angefangen habe zu klauen. Ich kann mich nicht mehr richtig dran erinnern, nur dass ich meine Familie als Tiere malen sollte. Mutti war eine fleißige Biene
Entsprechend war ich natürlich angespannt, aber es ging. Die Praxis verfügt über eine zentrale Anmeldung und zwei separate Wartezimmer, deren Türen zur Anmeldung hin offen stehen. Während meine Wartezeit kam eine Patientin ohne Termin und wollte eine Krankschreibung, da ihr HA nicht verfügbar war. Ich habe das mitbekommen, war erstmal ok, die Sprechstundenhilfe hat sehr ruhig und professionell reagiert, auch wenn klar erkennbar war, dass sie die Patientin eher bei der Vertretung vom HA gesehen hätte. Irgendwann erhielt die Patientin die erbetene Arbeitsunfähigkeit auch, aber nun ging eine ziemliche Diskussion los: sie wollte diese rückdatiert und für weniger Tage - ein ziemliches hin und her und ich wurde immer immer angespannter und hätte am liebsten die Tür laut zugeschlagen oder rausgelaufen. Stattdessen habe ich mich auf ein Bild konzentriert und mir selber beinahe die Hand abgedrückt. Über diese Reaktion von mir war ich selber ziemlich überrascht.
Naja, jedenfalls war ich noch einigermaßen neben der Spur, als mich der Arzt ins Behandlungszimmer holte. Dies habe ich ihm auch mitgeteilt, dass ich aufgrund der Situation eben im Wartezimmer grad recht aufgewühlt bin. Er ging gar nicht weiter drauf ein, bot mir aber an, nochmal eine Runde spazieren zu gehen, das bräuchte er auch manchmal. Das hätte ich mir irgendwie anders, zumindest ein wenig empathischer gewünscht, zumindest so für den allerersten Eindruck. Aber gut, es gelang mir mich zu sammeln und wir haben gestartet.
Ich versuche mal meine Eindrücke zusammen zu fassen:
Auf der Pro-Seite sehe ich:
- er ist Psychiater und Psychologe
- er spricht wunde Punkte direkt, aber nicht gänzlich unverpackt, also noch erträglich an (z.B. "etwas zu klein für ihr Gewicht" )
- er hat offenbar das "große, ganze" im Blick
- er erfasst die Punkte, die auf das Belastungskonto einzahlen offenbar recht gut und fix
- er arbeitet mit leichter Provokation um seine Patienten zum Reden zu bringen, kann ich vmtl. ganz gut finden/brauchen, auch wenn es mir an mancher Stelle ein wenig zu salopp war (Bsp: was haben sie den für berufliche Belastungen, arbeiten Sie in einer Trompetenfabrik?)
- er scheint seine Patienten auch recht zu fordern, was mir vielleicht auch nicht ganz schlecht täte
- ich habe bereits jetzt einen Termin und könnte direkt Folgetermine inkl. Notfallerreichbarkeit etc. bekommen
Aber, es gibt auch Contras:
- er scheint eine Art "Alleinbehandlungsanspruch" zu haben. Ich hatte im gesagt, dass ich vergangene Woche bereits einen ersten Termin bei einer Therapeutin hatte. Daraufhin kam die Frage, was ich dann von ihm wolle gefolgt von einem Vortrag, dass er dann u.U. gegen die Glaubensätze seiner Kollegen arbeiten müsste, die in aller Regel stark von seinen abweichen, und er dann ja nur zum Hallo & Tschüss da wäre, er sich aber lieber ganzheitlich kümmert, woraus sich evtl. auch erklärt, warum seine Psychiaterkollegen doppelt soviele Patienten betreuen können, wenn sie sich auf Hallo & Tschüss beschränken.
- der Rest vom Gespräch war nicht schlecht, aber ähnlich - ich empfand seinen Redeanteil deutlich größer als meinen
- ich wollte noch klären, ob es sinnvoll ist, mir gegen die innere Unruhe Neurapas zu besorgen, meine HA riet mir, dies unbedingt mit dem Psychiater zu klären, da pflanzliche Mittel wohl auch nicht so risikofrei sind, wie man meinen möchte. Dazu hatte ich keine Gelegenheit
- das Gespräch wurde relativ abrupt beendet, da die Zeit um wahr. Er teilte mir mit, dass mein HA eine kurze Zusammenfassung erhält und ich mir überlegen kann, ob ich gleich einen weiteren Termin vereinbaren möchte
So, und nun habe ich jede Menge Fragezeichen und gleichzeitig die Bestätigung, dass meine HA ne wirklich gute ist, denn die hatte mir im Vorfeld gesagt, dass er zwar vermutlich am schnellsten verfügbar aber eben "anders" ist. Ehrlich gesagt kommt mir der Begriff "Narzisst" ein wenig in den Sinn. Aber auch das muss ja nicht direkt schlecht sein.
Primär bin ich hin-und hergerissen, weil ich glaube, dass mir gelegentlich ein kleiner Tritt in den Hintern durchaus mehr helfen könnte, also "Kuschelkurs". Auf der anderen Seite merke ich, dass ich aktuell vermutlich doch auch ein gewisses Bedürfnis nach letzterem, im Sinne von erstmal verstanden fühlen bevor der Lösungsversuch kommt, habe. Und bisher fand ich den Gedanken, Psychiater und Psychotherapeut nicht in Personalunion zu haben auch nicht verkehrt, um bei Unsicherheiten noch einen Ansprechpartner zu haben. Andererseits leuchtet es mir durchaus ein, dass es eher kontraproduktiv sein kann, wenn zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt werden. Das wirft natürlich wieder die Frage auf: wofür überhaupt einen Psychiater? Und: die Zeitfrage. Die Therapeutin, bei der ich letzte Woche war, macht einen guten ersten Eindruck, aber ich fahre über eine Stunde dorthin, das ist ganz schön anstrengend (von den Spritpreisen mal abgesehen) und kann vielleicht auch nicht von Dauer sein. Ich habe noch zwei Therapeuten und eine Psychiaterin auf meiner Liste, die allesamt bis letzte Woche im Urlaub waren - bis jetzt habe ich mich noch nicht zu erneuten Anrufen aufgerafft.
Puh, so. das war lang. Und ja, Bassmann: TUT SEHR GUT!
